Scrub & Waggle: Die Gruppendiskussion

Die Kandidat*innen sitzen alle in einer Reihe und haben bereits ihre Denk-Hütchen auf. (Freeze)

MR. STAID (die 5-Hüte Kreativitätstechnik erläuternd, dabei jeweils hinter der Person stehen bleibend, die er gerade am Wickel hat):

„…Also noch einmal: Der Träger des BLAUEN HUTES - Herr Hartmann – leitet den Diskurs und aktiviert die anderen. Er ist sozusagen der GRUPPENDISKUSSIONSFÜHRER.

Der Träger des ROTEN HUTES – das wäre der Herr Warhol – wird die Diskussion mit EMOTIONALEN Erkenntnissen bereichern, d.h. er darf ausschließlich affektive Eindrücke ausdrücken.

Die Trägerin des WEIßEN HUTES dagegen – Frau Kahlo wenn ich mich nicht irre – sollte sich in ihrer Denkrichtung auf knallharte FAKTEN beschränken.

Der Träger des GELBEN HUTES – also der Herr Poe - ist gefordert, sich ausnahmslos OPTIMISTISCH und POSITIV zu äußern. Seine Aufgabe ist es, die anderen mit Keepsmiling und hoffnungsfrohem Zukunftsglauben zu motivieren.

Und der Träger des GRÜNEN Hutes – unser Herr Shakespeare – wird frei drauflos assoziieren und die Diskussion mit allerlei ORIGINELLEN Ideen aufmischen. Haben das alle verstanden?“


 

SHARON MAE SCRUB:

„Und jetzt ran an die Buletten, Herrschaften, Sie sollen hier nicht durch Luftverdrängung glänzen! Herr Staid, bringen Sie die fraglichen Objekte herein!“


 

Herr Staid bringt würdevoll zwei Seifenstücke herein, die unter einem Glassturz liegen


 

SHARON MAE SCRUB (am Pult)

„Vor ihnen liegen zwei Stück Seife. Beide sehen auf den ersten Blick völlig identisch aus. Aber eine der beiden Seifen ist tatsächlich ein Kunstwerk, das bei der letzten Transaktion sage und schreibe 10 000 Euro erzielt hat! Wir erwarten jetzt von Ihnen, dass Sie gemeinsam im Team und mittels der Denk-Hütchen herausfinden, welche Seife ein Kunstobjekt ist. Gruppendiskussionsführer Hartmann, sind Sie bereit?“


 

HARTMANN:

„Jawohl !! Na, dann fangen wir doch am besten mal mit dem WEIßEN Hut an. Frau Kahlo bitte. Ich werde die Ergebnisse mitschreiben…Frau Kahlo, hallo?! Beginnen Sie doch bitte mit dem Satz: TATSACHE ist, dass…“


 

KAHLO:

„TATSACHE ist, dass beide Seifen eine befremdliche Stimmung verbreiten. Ich kann es nicht genau beschreiben, aber es ist irgendwie BLAU…“


 

HARTMANN:

„Nein, Frau Kahlo. ICH habe den BLAUEN Hut und sie tragen den WEIßEN Hut. Und WEIß ist der ANALYTISCHE HUT, Frau Kahlo, der FAKTEN-HUT. Also noch mal, beschreiben Sie bitte die rein faktischen Informationen, die uns zur Verfügung stehen. Zum Beispiel: Vor uns liegen ZWEI Stück Seife.“


 

KAHLO:

„Vor uns liegen zwei Stück Seife. Und beide Seifen lösen zwiespältige Gefühle in mir aus, vielleicht weil ich den Geruch von Seife als sehr verwirrend empfinde… Seife erregt mich, ich spüre Reinheit Reinkarnation, aber auch Grauen und Gefahr, ein Brautkleid als Leichentuch..."


 

HARTMANN:

„Ach Frau Kahlo, das ist doch keine Fakten-Analyse. Also wirklich."

KAHLO (süffisant): "Natürlich nicht, ich bin doch eine Frau, nicht wahr, und als solche genetisch ungeeignet, eine objektive Perspektive einzunehmen. Dabei beruht doch die symbolische Gewalt des Mannes, welche übrigens durch ein neuartige emotionale Herrschaft flankiert---

HARTMANN (schnell ablenkend):

"Herr Warhol vielleicht geht es mit ihnen besser. Sie tragen ja den ROTEN HUT, den EMOTIONALEN HUT. Na, geben Sie uns doch einfach mal ihr Bauchgefühl, Herr Warhol, was verraten uns denn ihre äh Gemütsbewegungen, welche der beiden Seifen könnte ein Kunstwerk im Wert von 10000 Euro sein?“


 

WARHOL:

„Ähm, also die linke Seife ist WEIß…“


 

HARTMANN:

„Nein nein nein FEHLER, Herr Warhol, Sie haben den ROTEN Hut auf, nicht den WEIßEN, sie dürfen doch gar nicht beschreiben! Das Gefühl, Herr Warhol, bei ihnen geht es nur ums GEFÜHL und WEIß – das ist doch kein Gefühl, Herr Warhol.“


 

WARHOL:

„… und die rechte Seife ist auch WEIß.“


 

HARTMANN:

„Haben sie den ROTEN Hut auf oder den WEIßEN, Herr Warhol?!!“


 

WARHOL:

„Den ROTEN.“


 

HARTMANN:

„Ja eben. Äh ach nein - Fehler! Die Farbe ROT darf doch gar nicht aus ihrem Munde kommen!! Herr Warhol, sie haben den Emotionalen Hut auf, NICHT BESCHREIBEN! Und Sie, Herr Shakespeare, was haben Sie zu unserer Gruppen-Diskussion beizusteuern? Haben Sie irgendeine FANTASIEREICHE, GENIALE Idee, wie wir die knifflige Frage lösen können?“


 

Shakespeare grapscht sich unerwarteterweise den blauen Hut und drückt Hartmann den grünen Hut aufs Haupt, gibt die Frage hämisch zurück, auch die anderen reagieren mit Spott auf Hartmanns Degradierung


 

KAHLO:

„Ach du grüne Neune.“


 

HARTMANN:

„Also wir könnten ja mal versuchen, beide Seifenstücke gegen das Licht zu halten…und äh zu mmm oder andrerseits…"


 

Hartmann reißt den blauen Hut erneut an sich und nimmt wieder den zentralen Stuhl ein, jetzt auf Poe einredend


 

HARTMANN:

„Herr Poe, wir müssen jetzt ganz schnell herausfinden welche der beiden Seifen ein Kunstwerk im Wert von 10000 Euro ist - Und Sie als Träger des GELBEN Hutes sollten dringend etwas OPTIMISMUS verbreiten!! Bis jetzt sind wir nämlich noch keinen Schritt weiter gekommen.“


 

Poe wirkt hochdepressiv und macht abwehrende Gesten


 

POE:

„Herr hilf meiner armen Seele.“


 

HARTMANN:

„Sie haben wohl keine Ahnung worum es hier geht was? Nein ich werde nicht aufhören, ich bin DER mit dem BLAUEN Hut und Sie haben mir zuzuhören, das gibt es doch wohl nicht, ich strenge mich an diese Seife zu zu zu zu identifizieren und Sie…Ja Herr Poe, wir sind hier in einer GRUPPENDISKUSSION, Herr Poe und da müssen Sie sich beteiligen, Herr Poe, und ich rede mir hier den äh, und ich bin trotzdem freundlich! Wir können doch über, alles reden, Herr Poe; wir sitzen doch alle im gleichen Boot, ist doch wahr! Ich will ihnen doch nur helfen, Herr Poe! Lächeln sie doch mal, man kann doch auch ganz anders an die Dinge heran gehen; ich sehe sie immer so düster und so morbide, jetzt sind sie doch mal FROH, Herr POE!“


 

POE:

„Es fiel ein Schatten auf meine Seele… Und so erstarb die Freude im Entsetzen, das Schönste wandelte sich zum Grässlichen…“


 

HARTMANN:

„Herr Poe, sie tragen den GELBEN Hut, VERGESSEN SIE DAS NIE, sie sind fidel und unverzagt, Sie sind absolut POE-SITIV eingestellt, Herr Poe!“


 

WARHOL:

„Ich will auch mal den BLAUEN Hut!“


 

POE:

„Nervös, schrecklich nervös bin ich, eine wahnsinnige Qual, ein nicht zu bändigender Tumult ringen in meinem Hirn…“

HARTMANN (kramt ein Schächtelchen aus seiner Jackentasche):

„Hier nehmen Sie doch mal diese Kapseln hier, das wirken Wunder, die nehme ich auch immer bei Bedarf, Herr Poe, es wird Ihnen gleich besser gehen, Sie werden sehen… So, brav runterschlucken, fein, Herr Poe. Und jetzt sagen Sie doch mal bitte so etwas wie: WENN WIR UNS ALLE ANSTRENGEN, DANN ..."


 

POE (kommt in eine eigenartige Stimmung):

„Ja. DANN werden wir es herausfinden… Man grübelt und sinniert und kommt – Stück für Stück – Schlussfolgerung für Schlussfolgerung - schließlich zur Wahrheit. PRUST“


 

HARTMANN:

„Herr Poe, jetzt strengen Sie sich endlich mal an!“


 

POE:

„DA, ich sehe Licht am Ende des Tunnels…“


 

HARTMANN:

„Tatsächlich? Haben Sie eine Eingebung, Herr Poe?“


 

Shakespeare nimmt derweil die Seifen unter dem Glassturz hervor, befingert sie und erklärt mit Bestimmtheit, dass keine der Seifen ein Kunstwerk sein könne.


 

HARTMANN:

„Herr Shakespeare, ja toll, sehr ORIGINELL – Sie können doch ein Kunstobjekt nicht einfach so antatschen! Zurück unter den Glassturz, aber schnell!“


 

WARHOL:

„Oh das ist ja ulkig, ich hab hier auch eine Seife dabei, jetzt haben wir drei Stück. MEHR IST MEHR.“


 

Es kursieren nun DREI ununterscheidbare Seifen


 

HARTMANN:

„NEIN! Aber Herr Warhol, das geht doch nicht! Sie machen es ja noch schwieriger als vorher! Entschuldigung, aber so kann ich einfach nicht arbeiten, es reicht, aus, vorbei. Schluss.“


 

Poe stopft sich plötzlich die Seife in den Mund, Kahlo und Shakespeare lachen herzhaft auf


 

HARTMANN (vor Entsetzen aufkreischend):

„Sagen Sie mal Herr Poe, sind Sie denn völlig meschugge, jetzt haben wir ja gar kein REFERENZOBJEKT mehr, Herr Poe! Sie haben gerade 10000 Euro liquidiert!“


 

Poe fällt nach hinten um, Hartmann springt auf und beugt sich über ihn. Seifenblasen steigen auf


 

POE:

„Ach, Sie wollen die Seife zurück haben? Ich verspreche Ihnen, mein Herr, die Seife wird bald ihren Weg finden, unter natürlichen Umständen dauert das immer ein Weilchen, aber wenn’s pressiert… Für Sie werde ich mich gern etwas mehr ins Zeug legen...“ (macht Anstalten zu defäkieren)


 

SHAKESPEARE (sich über Hartmanns Verzweiflung lustig machend):

„A soap, a soap, my kingdom for a soap!“


 

KAHLO:

„Sobre todo, um was für einen WERT geht es denn überhaupt? Den ph WERT vielleicht? Seife hat einen ph-WERT zwischen 8 und 10,5. Oder meinen Sie den WERT DER ARBEIT, die nötig war, diese Seife herzustellen? Die Ausbeutung auf Pamölplantagen ist immer noch ein---“


 

WARHOL:

„Es wäre toll, wenn wir 3000 STÜCK SEIFE hätten. 3000 Stück Seife sind besser als zwei. MEHR IST MEHR. Soll ich mal Ronny anrufen?“


 

HARTMANN:

„SCHLUSS JETZT, Sie affektierter Snob!“


 

POE:

„Nun, da ich die Seife inkorporiert habe, ist ihr WERT um ein Vielfaches gestiegen. Sie ist nun POE-TISIERT worden, mein Herr.“


 

HARTMANN:

„Ach, Sie wollen MIR etwas über WERTSCHÖPFUNGSPROZESSE erzählen, sie Hinterwäldler? Na schön, dann werde ich SIE jetzt mal verkaufen, mein lieber Herr Poe, samt der von ihnen entweihten Kunstseife, als Environment! Mal sehen wie viel wir dafür rausholen können bei ihrem mickrigen Imagekapital! Wer macht das Ausgangsgebot?“


 

SHARON MAE SCRUB (mischt sich ein, kurz vor einem cholerischen Anfall)

„Spielen wir hier vielleicht Ringel- Ringel- Röschen, oder Backe Backe Kuchen? Wie soll ich Sie denn so BEWERTEN? Mir ist schon klar, dass das alles nicht so ganz einfach ist, aber wir sind hier auch nicht in der Krabbelgruppe! Merken Sie sich eins: Bei Scrub & Waggle muss man auch mal Dreck fressen können!“


 

POE:
“Wie Madame, unsere SCHAUMSCHLÄGEREIEN behagen Ihnen nicht?“


 

HARTMANN (ganz und gar fassungslos):

„Frau Scrub, es ist etwas Ungeheuerliches vorgefallen, Herr Poe hat… er hat … also unser REFERENZOBJEKT ist verschwunden…“


 

SHARON MAE SCRUB:

„Jetzt verschonen Sie mich bloß mit Ihrem Universitätsblabla. Ich habe keinen Duden dabei und ich will es auch nicht wissen! Ich will mehr Plan, mehr Profi-Power! Sehen Sie mich an – ICH HABE ALLES GELEBT! Ach, diese Kulturpfeifen mit ihrem Herumgekasper, jetzt kriege ich wieder meine Kreislaufstörungen...“


 

Sharon Mae verlässt sichtlich geschwächt die Bühne


 

HARTMANN:

„Na großartig! DA - Frau Scrub ist gegangen! Sehen Sie, was Sie angerichtet haben, Sie Ignorant?“


 

POE:
“Entzückend! Dann werde ich wohl ebenfalls meinen HUT nehmen und MUNTER davon flanieren…“


 

HARTMANN
“Bleiben Sie gefälligst hier und löffeln Sie die Seifenlauge aus, die Sie uns eingebrockt haben!“


 

SHAKESPEARE:

„But this is just bloody SOAP, Thilo Hartmann! THIS IS NOT ART, curse it!”


 

HARTMANN:

“Ach Blödsinn, was verstehen Sie denn von zeitgenössischen Wertschöpfungskreisläufen Herr Shakespeare? Sie mit ihrer antiken Sicht auf die Dinge! Sie haben ja überhaupt keine Ahnung vom Kunstsystem und von marktwertmaximierenden Investitionsentscheidungen oder von Wertzuwachskurven…“


 

SHAKESPEARE (knallt ihn an die Wand):

„Oh Villain villain smiling damn villain! The EMPTY vessel makes the greatest sound!!”


 

WARHOL:

„Die Ästhetik unserer Tage ist ERFOLG. GELD VERDIENEN IST KUNST. Und ich werde jetzt Geld verdienen… Hier sehen Sie die Skulptur „Two Soap Bars“ von Andy Warhol. Kostenpunkt 100 000 Euro.“

Aggressiver Versuch, die Seifen an das Publikum zu verkaufen
 

POE (baff):

"Der Wert der Kunst und der Wert der künstlerischen Arbeit scheinen wahrlich mit zweierlei Maß gemessen zu werden..."


 

Plötzlich tauchen Sharon Mae Scrub und Iwan auf, mit dem Gemälde, das Kahlo zuvor für eine Tequila Flasche verkauft hatte


 

SHARON MAE SCRUB:

„Wir haben hier das Gemälde „Der Marxismus wird den Kranken Heilung bringen“ von Frida Kahlo aus der Kollektion von Scrub & Waggle. Die Katalog-Nummer ist 1/ 308567. Das Ausgangs-Gebot beträgt 500 000 Euro und wir liegen bei einem Schätzpreis von 1 000 000 Euro. Wer bietet mehr?“


 

KAHLO:

„Wie bitte? Und ich habe einen Tequila dafür bekommen?“


 

MR.STAID (trägt ein Frida Kahlo T-Shirt):

„Ja, Frau Kahlo, aber dafür Original FRIDA KAHLO TEQUILA! Die neue FRIDA PRODUKTLINIE aus dem Hause Scrub & Waggle umfasst übrigens auch FRIDA Bettgestelle, FRIDA Haarwuchsmittel, FRIDA Vollbrustkorsetts mit Schnüranleitung… Ich möchte an dieser Stelle auch auf unser Kahlo Krücken Sortiment verweisen…“


 

KAHLO:

"Da sieht man es wieder, der MEHRWERT, wie er sich auch verteile … IST UNBEZAHLTE ARBEIT!“


 

HARTMANN:

„Aber Frau Kahlo, sie können sich glücklich schätzen! Ihr WERTSTEIGERUNGSPOTENTIAL wird gerade voll ausgeschöpft! Der KURSWERT ihrer Person steigt und steigt!!“


 

POE (zu Hartmann):

„Haben Sie jemals für möglich erachtet, dass die Kunst einen EIGENWERT haben könnte, mein Herr? Dass Kunst ein ANDERES sein könnte? Ein durchaus Unvergleichliches, mein Herr?“


 

WARHOL:

„Aber egal, wie gut du bist, wenn du nicht richtig gefördert wirst, wird dein Name nicht zu denen gehören, an die man sich erinnern wird."


 

POE:

„Was habe ich vom SPÄTEN RUHM, mein Herr? Ich suche die Goldene Blume, das Elixir des Lebens, die Liebe, die Universalmedizin, den ULTIMATIVEN WERT…“