Filmriss/ Caligari's Cabinet - Theatertext/ Satire (Textprobe)

Dr. Caligari:

"Und hier am PraterPranger prangt mein schaurigstes Schauobjekt! Schaumstoffobjekt? Von wegen! Quicklebendig der Junge! auch wenn er leichenbleich einher schleicht---

Dieser Performanzarbeiter hier ist ein Wunder - Cesare, das Wunder, der 24 Stunden Mann! Born to perform! 35 Jahre alt und seit 35 Jahren ununterbrochen WACH... wird vor ihren Augen aus seinem außergewöhnlichen Zustand heraus über den Traum vom Totalverwertungsraum und

den Mordsspaß an der Omnipräsenz

SPRECHEN

(und darüber wie es ist, mit seiner Performance vor einem Publikum identisch zu sein)

TADA!! Steh bequem Cesar!“

 

Cesare (starrer glasiger Blick):

"Ich bin so wach

so wach

so wach

so wahnsinnig

wach

der Kollerclown gibt keine Ruhe...“

 

Caligari: „Nennst du das bequem stehen? Steh bequem, Cesar! Steh bequem!“

 

Cesare: „Ich stehe doch bequem!“

 

Caligari: „Du stehst doch nicht bequem! Bequem Cesar! Steh bequem!“

 

Cesare: „Aber ich stehe doch bequem!“

 

Caligari: „Das soll bequem stehen sein, Cesar? Bequem stehen?“

 

Cesare: „Ich versuche es ja... aber... Bequemer kann ich nun mal nicht stehen!“

 

Caligari: „Das geht aber bequemer Cesar, sehr viel bequemer geht das“

 

Cesare: „So vielleicht?“

 

Caligari: „Ich denke nicht Cesar, ich denke nicht, dass ich das als bequem stehen durchgehen lassen kann“

 

Cesare: „Ich kann einfach nicht mehr, immer dieser Chill Drill--- „

 

Caligari: „Warum genießt du es denn nicht, bequem zu stehen Cesar?“

 

Cesare: „Ich genieße es ja, bequem zu stehen! Ich genieße es ungemein!!!“

 

Caligari: „Ich habe selten jemanden gesehen, der dermaßen unbequem gestanden hätte“

 

Cesare: „Für mich ist es aber bequem so!“

 

Caligari: „Das glaubst du doch wohl selber nicht Cesar“

 

Cesare: „Ich werd doch wohl noch wissen, was für mich bequem ist!“

 

Caligari: „Wann wirst du dich endlich mal bequemen, am Bequem stehen zu arbeiten, Cesar? Dafür bist du wohl zu bequem?“

 

Cesare: „Was denn nun? Ich bin doch angeblich nicht bequem??“

 

Caligari: „Eben! Und dann auch noch unbequeme Fragen stellen!“

 

Cesare: „Na gut, dann stehe ich halt unbequem!!! Wo ist das verdammte Problem?“

 

Caligari: „Wenn du bequem stehst, kannst du dich besser konzentrieren und so deine Selbststeigerungsproduktivität steigern, Cesar.

Versuchen wir es mal so: Rühr dich!“

 

Cesare: „Ich rühre mich ja“

 

Caligari: „Du rührst dich überhaupt nicht! Keine Hand rührst du! Gar nichts, nicht mal den kleinen Finger rührst du, Cesar!“

 

Cesare: „Ich … im Stupor wie ein Dorsch …“

 

Caligari: „Jetzt stell dich nicht so an, stell dich aus!“

 

Cesare: „Ich stell mich doch aus! Ausgestellter kann ich nun mal nicht spielen!“

 

Caligari: „Was wir hier sehen wollen ist Dein auf Dauer gestelltes, Zur-Schau gestelltes

Unverstelltes, Cesar!“

 

Cesare: „Ich stecke fest in irgend so nem Scheißfilm/ zercastestes Aas/ in der Zelluloid-Zelle/ Ich habe Dir gesagt du sollst nicht fotografieren, gaukelnder Saukerl!/ Oh Gott dieses schwefelgelbe konvulsivische Gekreisch aus der Zeit vor meiner Geburt/ diese fasrige Emulsion zerfahrener Emotionen/ Expressionistischer Stummfilm ist doch ein hochmoderner Arbeitsplatz/ Etwas für Überperformer/ wie mich/ Selbstausdruckskrampf -- mit 50 mimischen Muskeln mein authentischstes Selbst mobilisieren -- Augen aufreißen/ Weiter/ Weiter!/ Brauen hochziehen/ Beide/ Stärker/ Da geht noch was/ Ich strebe berste sterbe für schwer simulierten Schmu ---

 

Caligari: „Im modernen DarStellungskrieg heißt es Stellung halten, Stellung halten! Cesar“

 

Cesare: „Und ich dachte tatsächlich, ich wäre hier in einer Burnout-Klinik und Sie seien mein Therapeut, Dr. Caligari...“

 

Caligari: „Dem ist ja auch so, Cesar, dem ist ja auch so! Aber eine Burnout-Therapie ist nun mal kein Wellness-Trip!“

 

Cesare: „Nicht? Aber ich dachte... Deshalb habe ich mich doch..“

 

Caligari: „Nein nein nein, das ist ein landläufiger Irrtum!“